| (Aus der Schriftenreihe „Ehranger Heimat“)
Von August Antz. Viele Eifel-und Moselstädtchen sind noch heute
mit Wall und Wehr umgeben. Aber kaum eine der alten Ringmauern ist so
gut erhalten wie die, die unseren Ort umgibt. Sie ist keine tote Ruine,
sondern ein lebendes Wesen. Sie lebt nicht nur in verstaubten Akten
und Urkunden, ihre malerischen Winkel sind die Spielplätze der
Ehranger Jugend, in ihren Ritzen und Spalten nisten Rotschwänzchen
und lärmende Spatzen, von ihrer luftigen Höhe leuchten in
Frühlings-und Sommertagen die gelben Blüten des Löwenzahns,
in ihren Fugen wuchern Streifenfarn und Mauerraute. Sie gehört
wie die Heidestuben, die Hochburg und die Genovevahöhle zu den
unverlierbaren Schätzen des Ehranger Kindheitsparadieses.
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Abb.1 August Antz, *01.06.1881 Waldhölzbach
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Daß die Ehranger Ringmauer auch Festungsmauer
war, beweist die Umgestaltung des Straßenzuges zwischen Biewer
und Quint, die Balduin bei ihrer Errichtung vornehmen ließ. Während
die alte Römerstraße östlich an Ehrang vorbeizog und
das Weichbild des Ortes nicht einmal berührte, führte die
neue Straße durch den Ort. Balduin ließ sie um den Fuß
des steilen Scharder Berges [2]) zuerst eine kurze Strecke kyllaufwärts
und dann über eine steinerne Kyllbrücke in einem spitzen Winkel
auf die Ringmauer zuführen. So mußte der anrückende
Feind den Verteidigern die ungeschützte Flanke preisgeben. Bei
der Annä auf ähnliche militärische Sicherungen. Die Mauer
zeigt in ihrem ganzen Verlaufe, dass bei der Anpassung an das Gelände
auch taktische Gesichtspunkte eine Rolle gespielt haben. Die Ehranger Ringmauer ist aus sorgfältig behauenem Sandstein errichtet. Ihr Fundament steht an der Talseite auf Gemeindeeigentum, am Heidehang auf dem Grund und Boden der inneren Anlieger. [3]) Sie ist 1040 m lang und umschließt eine Fläche von 8 ha oder 32 Morgen. Die Enge des Raumes hemmte die Entwicklung des Ortes und nötigte die Bewohner, die vorhandene Baufläche bis auf das letzte Fleckchen auszunutzen. Die dichte Bauweise in Verbindung mit ungenügender Entwässerung und häufig auftretenden Überschwemmungen brachte große Gefahren für die Volksgesundheit mit sich. So war es möglich, daß imJahre 1683 von ungefähr 450 Einwohnern in den sechs Monaten von Juni bis November nicht weniger als 141, also 31 von Hundert, an der Pest starben. [4]) Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, in einer Zeit, in der bereits mehr als 1500 Menschen innerhalb der Ringmauer wohnten, wurde das Land vor den Stadttoren zur Siedlung freigegeben. Um die Ringmauer lief ein Graben, der vom Mühlenteich her mit Wasser gespeist werden konnte. Er war durchgehends ungefähr 10 m breit, das war die Entfernung für Kernschutz mit der Armbrust. Der Teil am Fuße des Heideberges dürfte Trockengraben gewesen sein, wenn auch die Möglichkeit bestand, ihm von der Quelle der alten Ehranger Wasserleitung am halben Berghang aus Wasser zuzuführen. Heute liegen da, wo sich ehedem der Graben hinzog, Wiesen und Gärten. Wenn man sich dem mittelalterlichen Ehrang von der im Jahre 1314 errichteten Balduinschen Kyllbrücke her näherte, kam man an das Südtor, das auch Brückentor genannt wurde. Es lag zwischen den Häusern Brückenstraße 16 und 55 (heute heißt diese Straße Kyllstraße). Im Jahre 1931 stellte das Rheinische Landesmuseum Trier in der Mitte des Wassergrabens vor dem Tor einen starken Achteckpfeiler und unter dem Tor selbst einen viereckigen Mauerklotz als Auflager fest. Vom Brückentor aus läuft die Mauer an dem Marienfeld, dem Schützengraben und der ehemals kurfürstlichen Mahlmühle entlang nach Nordwesten. Die Pforte, die nach der an der Außenseite angebauten Mühle führte, war durch ein Türmchen gesichert. |
Abb. 2 Ringmauer am Marienfeld, Zeichnung von Eduard Becking
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Der etwa 60 m lange Nordwestteil enthielt das nach
Kordel führende Obertor. Am „Scharfen Eck“ beginnt
die lange Nordseite der Mauer. Sie war mit einer Ausfallpforte, dem
Heidetor versehen. Hinter dem Graben liegt, tief im Boden steckend,
eine jüngere Umfassungsmauer, die wohl zur Festigung der steilen
Böschung diente. Der östliche Teil der Nordmauer verläuft
doppelt; diese Verstärkung beginnt bei der Ausfallpforte. Die Gärten,
die hier zwischen den Mauern liegen, werden “Auf dem Hohn“
ursprünglich „Auf dem Hohen“ genannt.
Umbiegend überquert die Mauer die Niederstraße. Das Niedertor lag zwischen den Häusern 77 und 127. Es folgt eine Strecke in unregelmäßigem Bruchsteinmauerwerk, 4 m hoch freistehend. Die ganze Südoststrecke der Mauer ist in ungefähr 5 m Höhe erhalten. Sie schloß ab mit einem im Lichten 3,10 m breiten rundbogigen Mauerdurchgang in sorgfältiger Hausteinquaderung, dem sogenannten Moseltor. Auf der Innenseite sah man den Anschlag für die Holzflügel und die Pfannen. Die Mauer war hier 1,50 m dick. Über dem Tor und in der anstoßenden Südmauer waren Konsolen für einen Wehrgang, 0,40 m hoch und 0,40 m halbrund vorstehend, sowie eine Steintreppe wohl erhalten. Leider ist das Moseltor vor einigen Jahren bei der Schaffung eines Durchbruchs zwischen Niederstraße und Klosterstraße (heute August-Antz-Straße) abgetragen worden. Der Mauerteil zwischen dem Moseltor und dem Brückentor steht zum Teil noch in der alten Höhe. Die Stärke der Mauer schwankt zwischen 1,50 m und 0,60 m. Am Marienfeld beträgt sie über dem Fundament 0,80 m, in der Mitte 0,75 m und im oberen Teil 0,60 m. Im Winter kann man die Gliederung deutlich erkennen, da der Schnee auf den Absätzen liegen bleibt. Die Unebenheiten bieten den Schulbuben eine willkommene und eifrig ausgenutzte Gelegenheit zur Übung im Fassadenklettern. Zur Zeit ihrer Erbauung umschloß die Ehranger
Ringmauer einen noch engeren Raum als heute. Vom Marienfeld aus verlief
sie in gerader Richtung nach dem Eulenplatz. Die Lage des ursprünglichen
Brückentores wurde im Jahre 1932 bei der Kanalisierung des Ortes
zwischen den Häusern Brückenstraße (heute Kyllstraße)18
und 52 festgestellt. Der weitere Verlauf der Mauer läßt sich
aus den vorhandenen Resten genau verfolgen;er ist auch in der Katasterkarte
eingetragen. Die Erweiterung der Ringmauer fällt in die Regierungszeit
des Kurfürsten Johann von der Leyen (1556 - 1567), der unserem
Heimatorte seine besondere Sorge zuwandte und auch das Ehranger Rathaus,
das sogenannte Spilhus, erbauen und sein Wappen über dem Eingang
anbringen ließ.
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Abb. 3 Ausfalltor nach der Heide, Zeichnung von Eduard Becking
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Die Ehranger Ringmauer hat in der langen Zeit ihres
Bestehens Krieg und Frieden, Zerstörung und Wiederaufbau in stetem
Wechsel erlebt. Immer wieder haben die großen Ereignisse des Weltgeschehens
ihre Wellen in das kleinstädtische Idyll geworfen, das sie umhegte.
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Abb. 4 Unterhalb der Stadtmauer, Haus Hellenbrand, Zeichnung von Eduard Becking
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Das erste Ehranger Stadttor, das den Notwendigkeiten
des Verkehrs weichen mußte, war das Brückentor. Auf Antrag
des Bürgermeisters beschloß der Gemeinderat 1842 seine Abtragung.
Ein Jahr später folgte das Niedertor, das kurz vorher noch ein
großes Erlebnis gehabt hatte. Im September 1842 fuhr König
Friedrich Wilhelm IV in einem mit Weintrauben geschmückten Wagen,
von Quint herkommend, durch Ehrang. Diesem festlichen Ereignis verdankte
der Ehranger Nachtwächter, der alte Feilen Theis, seinen großen
Tag. In stolzer Haltung auf seinem Tor stehend, ließ er den Monarchen
mit seinem Gefolge unter sich hinwegziehen. Dann wandte er sich mit
einer kurzen Ansprache an die versammelte Menge: “Hodat gesiehn,
dea Leit, de Kenig as ma ennam Henna dorchgeretscht?“- Bald nach
dem Niedertor fiel das Obertor. Das Heidetor wurde bis in die 80er Jahre
des vorigen Jahrhunderts jeden Abend geschlossen. Das besorgte der Nachtwächter,
wenn er um 10 Uhr die Runde machte und die Zeit ausrief. Im Zweiten Weltkrieg hatte die Ehranger Ringmauer Erlebnisse ganz besonderer Art. Bald nach Kriegsbeginn ließ die Gemeinde sie am Marienfeld durchbrechen und mit einer schmalen Pforte versehen. Den Schulkindern, die aus der Pfalzelerstraße (heute Servaisstraße) und vom Bahnhof herkamen, sollte der bei dem starken Verkehr mit großen Gefahren verbundene Weg über den unübersichtlichen Spieles erspart werden. Die alte Mauer wunderte sich und freute sich über das junge Leben, das nun jeden Morgen und Mittag unter ihr hindurchzog und Abwechslung in ihren Alltag brachte. Noch mehr staunte sie, als im letzten Kriegsjahre Volkssturmmänner mit Hammer und Meißel anrückten und an ihrem Grunde kleine Fenster brachen. Sie wurde in die Rundumverteidigung des Ortes, den sie so lange geschützt hatte, einbezogen und sollte nach dem Willen der Parteistrategen die amerikanischen Panzer abwehren helfen. Wenn sie hätte lachen können, würde sie es getan haben. Da sie es aber nicht konnte, schmunzelte sie über das ganze von tiefen Altersfurchen durchzogene Gesicht. Die Besitzer der ehemals landesherrlichen Mühle an der Kyll aber freuten sich des regen Durchgangsverkehrs, der nun vom nahen Schulhof her nach ihren Obst-und Gemüsegärten einsetzte. Und die Schulbuben freuten sich auch. Unsere Vorfahren waren von guten Geistern beraten, wenn sie ihre Stadtmauer nach Zerstörungen und Beschädigungen auch dann noch aufbauten, als Ehrang längst den Charakter einer Festung verloren hatte. Sie wußten, was Tradition für ein Gemeinwesen bedeutet. Ihnen haben wir es zu verdanken, wenn wir uns noch heute ein Bild machen können von mittelalterlicher Kleinstadtromantik. |